«via»
Reisemagazin der SBB

Foto: Fred Merz

«Der Weltraum bleibt meine grosse Faszination»

Avatar Simona
Simona Marty
photographer

Er ist bis heute der einzige Schweizer Astronaut: Claude Nicollier. Im Gespräch blickt er auf die Mondlandung vor 50 Jahren zurück und erzählt, warum er an einen Schweizer Nachfolger glaubt.

Diesen Sommer jährt sich die Mondlandung zum 50. Mal. Können Sie sich noch an diesen Tag im Juli 1969 erinnern?
Sehr gut sogar. Bereits damals war ich von der Raumfahrt fasziniert und habe auch schon frühere Apollo-Missionen genau verfolgt, insbesondere Apollo 8. Im Dezember 1968 gelang der erste bemannte Flug um den Mond – erstmals gab es Bilder von der Rückseite des Mondes und der Erde aus der Umlaufbahn. Das waren fantastische Aufnahmen. Nur ein halbes Jahr später glückte die Mondlandung. Ich war damals 25 Jahre alt, Kampfpilot und Physiker und habe dieses historische Ereignis zusammen mit meiner Familie vor dem Fernseher verfolgt. Den Mond habe ich von da an mit anderen Augen betrachtet.

Wie hat Sie dieses Ereignis in Bezug auf Ihre Karriere als Astronaut geprägt?
Alle Apollo-Missionen haben mich stark geprägt. Ich erinnere mich an die Worte des damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy, der sagte: «We do this, not because it is easy, but because it is hard.» Das war für mich die grösste Lektion in meinem Leben. Egal, wie unmöglich etwas im Leben erscheint, wenn man es wirklich will, kann man alles erreichen. Die Apollo-Missionen sind für mich der Inbegriff von Willenskraft, Talent und Leidenschaft.

Auch dass ein Schweizer ins Weltall fliegt, war zu dieser Zeit schwer denkbar.
Es war unmöglich. Damals konnten nur US-Bürger an den NASA-Missionen teilnehmen. Ein paar Jahre später, 1975, entschieden sich die Amerikaner, auch Europäer und Kanadier zuzulassen. Ich war damals 31 und dachte: Das ist jetzt meine Chance. Zwei Jahre später wurde ich zusammen mit dem Deutschen Ulf Merbold und dem Niederländer Wubbo Ockels für die erste Astronautengruppe der ESA, der Europäischen Weltraumbehörde, ausgewählt. Ein Traum ging in Erfüllung.

Unter tausenden von Anwärtern haben Sie es in die erste Selektion der ESA geschafft. Was war Ihr Erfolgsrezept?
Eine sorgfältige Vorbereitung, ein unbändiger Wille und schliesslich auch ganz viel Glück. Ich war, wie man so schön sagt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort und habe an mich und meinen grossen Traum geglaubt. Bis ich das erste Mal ins All geflogen bin, sollten aber 14 Jahre vergehen.

Sie haben an vier NASA-Missionen teilgenommen und insgesamt 42 Tage, 12 Stunden, 6 Minuten und 9 Sekunden im Weltraum verbracht. Wie fühlt sich das an, ins All zu fliegen?
Vom Start an dauert es nur 8,5 Minuten bis zum Eintritt in die Umlaufbahn um die Erde. Von da an schwebten wir schwerelos in der Raumfähre – ein unbeschreibliches Gefühl. Zu Beginn fühlte ich mich etwas unbeholfen, schlug mir ständig den Kopf an.

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Wir versuchten im Schwimmbad, uns mit dem Gesetz von Ursache und Wirkung vertraut zu machen. Will man im Weltraum beispielsweise mit einem motorisierten Schraubenzieher arbeiten, muss man sich mit der anderen Hand festhalten, sonst dreht man sich mit dem ganzen Körper um die Schraube.

Wie haben Sie geschlafen, so ganz ohne Boden unter den Füssen?
Meist im Schlafsack, der an der Decke oder der Wand mit einem Haken fixiert war. Der Tag-Nacht-Rhythmus verändert sich aber sowieso. In der Umlaufbahn ist der Shuttle mit 28 000 Kilometern pro Stunde unterwegs, die Umrundung der Erde dauert 1,5 Stunden. So lange ist es jeweils Tag oder Nacht. Der Sonnenuntergang dauert 20 Sekunden. Diesen vom Raumschiff aus zu beobachten ist übrigens ein Wahnsinnsgefühl.

Hat sich Ihr Blick auf die Erde verändert?
Ich habe erst da wirklich begriffen, wie beeindruckend schön unsere Erde ist – und auch wie winzig klein im Universum. Ich erinnere mich an meine zweite Mission zum Hubble-Teleskop. Bei unserem Start in Florida war es bitterkalt, nur 20 Minuten später überflogen wir das sommerliche Mosambik. Die Menschheit erscheint einem plötzlich so zerbrechlich klein. Dennoch ist unser Verstand in der Lage, grosse Dinge zu kreieren: etwa, ein Raumschiff zu bauen und in den Kosmos zu fliegen.

Auf Ihren Missionen haben Sie 8 Stunden und 10 Minuten ausserhalb des Spaceshuttels verbracht, etwa für die Reparaturen am Hubble-Teleskop. Hatten Sie je Angst?
Negative Gefühle haben letztlich in solchen Momenten wenig Platz, sie lenken ab. Ich wollte mich voll und ganz auf meine Aufgabe fokussieren können, schliesslich hatte ich mich zwei Jahre intensiv darauf vorbereitet. Beim Start und Aufstieg in die Umlaufbahn war ich wohl an der Schwelle zur Angst. Die Gefahr einer Explosion, eines Feuerballs, existiert. Wir haben aber in der Besatzung nie über dieses Endszenario gesprochen. Es lohnt sich nicht.

Haben Sie auch mit Ihrer Familie nie darüber geredet?
Doch, und meine Frau hatte auch unglaubliche Angst. Das war für mich fast schwerer zu ertragen als der Gedanke an den eigenen Tod. Zum Glück gab es von der NASA aus einen sogenannten Familieneskort. Ein guter Freund, ebenfalls Astronaut, hat sich während meiner Abwesenheit um meine Familie gekümmert, ihre Fragen beantwortet, sie zur Basisstation nach Houston begleitet. Das hat uns beiden geholfen.

Foto: NASA
Claude Nicollier bei seiner Arbeit im All. Seine wohl wichtigste Aufgabe war 1993 die erfolgreiche Reparatur des Weltraumteleskops Hubble.

Bis heute sind Sie der einzige Schweizer, der je ins Weltall geflogen ist. Warum gab es nach Ihnen keinen Schweizer Astronauten mehr?
Astronaut ist ein wundervoller Beruf, aber nicht so einfach zu erlernen. Möchte ein Europäer Astronaut werden, kann er das nur über die ESA, die etwa alle 15 Jahre eine Selektion durchführt. Aus den 22 Mitgliedländern werden jeweils nur eine Handvoll Personen ausgewählt. Es liegt also nicht daran, dass die Schweizer nicht die Intelligenz, das Talent oder die Leidenschaft hätten, sondern vielmehr an der mangelnden Nachfrage. Dennoch sage ich meinen Studenten und allen, die sich für diesen Beruf interessieren: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und der beste Weg, es nicht zu schaffen, ist, es gar nicht erst zu versuchen. Mit ein bisschen Glück wird es wieder einen Schweizer Astronauten oder eine Schweizer Astronautin geben.

Das Interesse am Mond ist so gross wie lange nicht mehr. Erst kürzlich gelang China die erste erfolgreiche Landung auf der Rückseite des Mondes, die USA wollen in fünf Jahren erneut zum Mond. Gibt es ein neues Wettrüsten?
Seit der letzten Apollo-Mission im Jahr 1972 gab es keine bemannten Flüge mehr zum Mond, wir haben uns lange Zeit nahe der Erde bewegt. Nun wollen die Grossmächte wieder weiter hinaus – zum Mond und auch zum Mars. Die Erforschung des Weltraums ist sehr attraktiv, der Wettbewerb nimmt zu.

Mit dem US-Unternehmer Elon Musk oder dem Amazon-Gründer Jeff Bezos drängen auch immer mehr private Raumfahrtfirmen ins All und heizen damit das Rennen um kommerzielle Weltraumflüge an. Wann werden die ersten Touristen ins All fliegen?
Die Privaten machen gute Arbeit, ich sehe diese Entwicklung positiv. Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden auch Touristen ins Weltall fliegen. Ich freue mich für jeden, der diesen eindrücklichen Ausblick auf die Erde erleben darf. Das US-Unternehmen Virgin Galactic wird bis Ende Jahr kurze Flüge für rund 250 000 US-Dollar anbieten, aber nicht bis in die Umlaufbahn um die Erde. Der nächste Schritt sind dann Flüge in die Umlaufbahn – oder Flüge zum Mond und zum Mars. Ich schätze, dass wir in 20, 30 Jahren so weit sein werden.

Werden Sie selbst nochmals ins All fliegen?
Ich würde natürlich gerne wieder ins Weltall zurückkehren. Doch ich lasse den Jungen den Vortritt. Würde ich einem jungen Astronauten den Platz wegnehmen, würde sich dies für mich nicht richtig anfühlen. Die Faszination für den Weltraum bleibt ein Leben lang, für berufliche Raumflüge selbst aber gibt es eine Zeitspanne im Leben, danach ist Schluss.

Auf Ihrer Website schreiben Sie, dass Sie junge Menschen dazu ermutigen möchten, ihre Träume zu leben. Welche Träume haben Sie noch?
Ich wünsche mir, meine Familie – meine Töchter und Enkelkinder – glücklich aufwachsen zu sehen und sie zu unterstützen, wo immer ich kann. Als Astronaut hatte ich zudem das Privileg, meinen Traum zu leben. Als Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne fühle ich mich verantwortlich, diese Erfahrungen an die nächste Generation weiterzugeben.






Zur Person

Claude Nicollier, 74, ist bis heute der einzige Schweizer, der im Weltraum war: Der Physiker und Linienpilot nahm an vier NASA-Missionen teil (1992, 1993, 1996 und 1999). Insgesamt verbrachte er 42 Tage, 12 Stunden, 6 Minuten und 9 Sekunden im All und umrundete 680 Mal die Erde. Nicolliers wichtigste Aufgabe war 1993 die erfolgreiche Reparatur des Weltraum-teleskops Hubble. Heute ist der Romand Professor an der ETH Lausanne. Nicollier ist seit elf Jahren Witwer, hat zwei Töchter, vier Enkelkinder und lebt in Vufflens-la-Ville VD bei Lausanne.






Sie haben Lust auf weitere spannende Geschichten aus dem «via» Reisemagazin?
Hier geht es zum Archiv: www.company.sbb.ch