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Kuppeln spaltet die Gemüter

Manuel Bühlmann
photographer

Die ersten Güterwagen mit automatischen Kupplungen rollen testweise bereits auf dem schweizerischen Schienennetz. Die Rangierspezialisten sind ob deren Einführung geteilter Meinung.

Christian Kehrlis (51) Leidenschaft gilt grossen Maschinen. Als Rangierspezialist und Lokführer von SBB Cargo kann er seine Passion täglich ausleben. Sein Handwerk hat er von der Pike auf gelernt. Vor 34 Jahren absolvierte er seine Betriebslehre bei der SBB und blieb seither dem Unternehmen treu: «Mir macht meine Arbeit immer noch Spass. Ein Bürojob wäre gar nichts für mich. Zudem hat es mir die SBB mit ihrem Weiterbildungsangebot einfach gemacht zu bleiben.» Mit 19 Jahren wurde er Rangierarbeiter, mit 21 Jahren folgte die Ausbildung zum Wagenkontroll­beamten, anschliessend die Vorarbeiter­prüfung und mit 25 Jahren die Ausbildung als Rangierlokführer.

Als einer der wenigen Rangierspezialisten hat Christian Kehrli die vollautomatischen Kupplungen bereits im Arbeitsalltag ausprobieren können. In der Ortsgüteranlage Dietikon, wo Kehrli stationiert ist, stehen mehrere Testwagen im Einsatz, die auf die neue Technologie aufgerüstet worden sind. Seine Erfahrung mit dem automatischen Kupplungssystem fällt positiv aus: «Das System funktioniert sehr gut. Du kannst nur anfahren, und – zack – schon ist gekuppelt. Und zum Entkuppeln muss ich nur noch an einem Hebel ziehen.»

Christian Kehrli, Rangierspezialist: «Rangieren ist für mich wie Schachspielen, man muss ein paar Züge vorausdenken,
damit am Schluss alles zusammenpasst.»

Durch die Automation wird beim Rangieren künftig weniger Personal benötigt. Das kommt SBB Cargo entgegen, da sich immer weniger Personen zu Rangierarbeitern ausbilden lassen. Kehrli vermutet, dass dies in erster Linie am Lohn liegen dürfte: «Die Verdienstmöglichkeiten sind bescheiden und bewegen sich auf einem ähnlich tiefen Niveau wie im Detailhandel.» Dazu kommt, dass die Arbeit körperlich anstrengend ist, der Güterverkehr bei jedem Wetter gewährleistet sein muss und man mit unregelmässigen Arbeitszeiten zurechtkommen sollte – das alles schreckt heutzutage offenbar viele Kandidaten ab. Der Vollblut-Rangierarbeiter lässt sich davon aber nicht beirren und plant, noch möglichst viele Güterwagen zu kuppeln: «Bis zu meiner Pensionierung bleiben noch elf Jahre. Ich hoffe, dass ich bis dahin auf meinem Job arbeiten kann.»

Die Exotin unter den Rangierspezialisten
Lea Ahrendt (20) ist die einzige Frau in der Region Ostschweiz, die sich für den Beruf Rangierspezialist entschieden hat. Zu ihrem Job ist Ahrendt über Umwege gekommen. Die Lehre absolvierte sie ursprünglich bei der Post. So richtig glücklich wurde sie beim gelben Riesen aber nicht: «Ich habe zwar eine super Lehre genossen, musste mir aber immer mehr eingestehen, dass ich einen Job will, der mich stärker an die körperliche Grenze bringt», erklärt Ahrendt ihren Wechsel aufs Gleis. Dass sie als junge Frau nun in einer Männerdomäne arbeitet, stört sie nicht: «Ich wurde von meinen Arbeitskollegen grösstenteils sehr gut aufgenommen und habe mich schnell eingelebt. Meine Entscheidung, als Rangierspezialistin zu arbeiten, habe ich jedenfalls noch nie bereut.»

Lea Ahrendt, Rangierspezialistin: «Ich bin absolut glücklich mit meinem Job.»

Mit den neuen Kupplungen ist sie bislang noch nicht in Berührung gekommen. Trotzdem steht sie der Einführung des neuen Systems kritisch gegenüber. «Durch die vollautomatischen Kupplungen braucht es niemanden mehr, der effektiv kuppelt und die Bremsprobe macht. Ein Gerät zeigt mir künftig an, ob alle Wagen korrekt miteinander verbunden sind. Den Job, wie ich ihn jetzt mache, wird es auf lange Sicht nicht mehr geben», befürchtet Ahrendt. Sie rechnet aber damit, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis sich die Automation flächendeckend durchsetzt. Denn auf Schweizer Schienen sind sehr viele Güterwagen aus dem Ausland unterwegs. Sie verfügen nicht über die neue Technologie. «Solange das Ausland nicht mitzieht, wird das herkömmliche Kuppeln weiterhin zum Alltag gehören», ist sich Ahrendt sicher.






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