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Foto: Dan Cermak

«Ich habe eine Bibliothek 
in meinem Kopf»

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Christian Messikommer
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Bekannt für ihren bitterbösen Humor, wird Hazel Brugger in ihrem zweiten Comedy-Programm sehr persönlich – und nimmt sich auch mal selbst auf die Schippe. Im Gespräch verrät die 25-Jährige, warum sie nicht mehr über Brötchen redet, was sie beim Reisen nervt und zu wem sie gern ins Praktikum gehen würde. 

Sie geben eine Stunde vor Ihrem Auftritt im Casinotheater Winterthur noch locker ein Interview – sind Sie wirklich so cool?
Eigentlich ist so was natürlich doof. Ich muss nachher ja zwei Stunden reden.

Alle drei Shows in Winterthur sind ausverkauft. Auch Freunde und Verwandte sitzen im Publikum. Macht Sie das nervös?
Ja, ich bin dann etwas befangen. Aber das ist nicht schlimm, es ist nur in meinem Kopf. Es gibt keinen Grund für diese Befangenheit. Es erinnert mich ein bisschen an den Elternbesuchstag in der Schule. Da ist man auch nicht wirklich entspannt, wenn einem die Eltern beim Bruchrechnen über die Schulter schauen.

«Tropical» ist nach «Hazel Brugger passiert» Ihr zweites abendfüllendes Programm. In welche Richtung hat sich Ihr Humor verändert?
Mein Humor ist mehr zu dem geworden, was ich wirklich bin; sprich: Mein Bühnenhumor ist jetzt der gleiche wie mein privater Humor. Dass er trotzdem noch gut ankommt, freut mich, weil das für mich bedeutet, dass ich das wohl noch ein paar Jahre lang weiterziehen kann und mich in meinem Job nicht verstellen muss.

Ist das auch der Grund, dass Sie in Ihrem neuen Programm viel mehr Privates von sich preisgeben?
Ja, das hat ganz eng damit zu tun, dass ich mehr meinen persönlichen Humor in die Show bringe. Dazu gehören auch mein Privatleben und meine Familie. 

Welche Witze mussten Sie aus Ihrem Programm streichen, weil sie beim Testpublikum durchfielen?
Ganz viele. Die ganze Thematik mit meiner Gluten-unverträglichkeit wollte niemand hören. Wenn man über solchen Sachen redet, wirkt man schnell belehrend. Und wenn ich sage: «Ich finde Brötchen wegen dieser zehn Gründe scheisse», dann haben alle, die Brötchen mögen, das Gefühl, ich finde sie automatisch auch scheisse. Dabei ist das doch nur mein Verdauungssystem, das gekränkt ist.

Foto: Dan Cermak
Charmant mit einem losen Mundwerk: Hazel Brugger vor einem Auftritt mit ihrem neuen Comedy-Programm Tropical im Casinotheater Winterthur.

Wieso heisst Ihr Programm eigentlich «Tropical»?
Wieso nicht? Ist doch ein lässiges Wort. Schon lange bevor das Programm stand, wusste ich, dass es so heis-sen sollte. Es tönt fruchtig und fein. Da kriegt man doch gleich Lust drauf.

Apropos fruchtig: Was hat es mit der Neonananas im Bühnenbild bei der Premiere auf sich?
Die habe ich zur Premiere geschenkt bekommen und mit auf die Bühne genommen. Die ist doch super, oder? Die Ananas ist ein Gegenpol zu mir, und ich finde, das verträgt sich sehr gut auf der Bühne. Es gibt ja wohl kaum eine fröhlichere Frucht als die Ananas. Ich habe zur Premiere auch noch viele weitere Tropical-Sachen bekommen: Partydrinks, Rezeptbuch, Schirmli. Das nächste Programm nenne ich dann wohl «Goldbarren».

Am Schluss von «Tropical» darf das Publikum einfach Fragen rufen. Hatte es schon gute Fragen dabei?
In Luzern hat einer gefragt, ob er ein Selfie mit mir machen dürfe. Da habe ich gesagt, er soll auf die Bühne kommen. Der kam voll und brachte noch drei Kollegen mit. So etwas ist natürlich geil, weil die Grenzen aufgebrochen werden und die Menschen keine falschen Schamgefühle mehr vorgaukeln. Ob ich das aber jedes Mal zulassen werde, wenn einer um ein Selfie bittet, bleibt abzuwarten.

Haben Sie bei Liveauftritten immer etwas parat für Zwischenrufer?
Nein, ich reagiere spontan. Ich habe aber so eine Art Bibliothek in meinem Kopf, die ich auf Knopfdruck abrufen kann.

Sie liefern ein unglaublich dichtes Programm fast ohne Atempause. Wie lernt man so was auswendig?
Dadurch, dass ich alles selbst schreibe, ist es nicht ganz so schwer. Ich stelle mir Bilder vor, die ich je nach Thema beschreibe, bis es auserzählt ist.

Kommt da auch ein Automatismus auf?
Ja, klar, das wird so etwa in einem Jahr passieren, dann kann ich während des Redens auch an etwas anderes denken. Den Einkaufszettel zum Beispiel. «Morgen muss ich Birnen kaufen.»

Sie sagen von sich, Sie hätten ein Problem mit Menschenmassen – das gilt wohl nicht für Publikum?
Auf der Bühne ist es super, da habe ich ja ganz viel Platz. Wenn ich selber im Publikum bin, sitze ich gerne am Rand.

Spätestens seit der «heute-show» sind Sie im deutschsprachigen Raum eine Berühmtheit. Gefällt es Ihnen, prominent zu sein?
Das Prominentsein gefällt mir deutlich weniger gut als die eigentliche Arbeit vor der Kamera oder auf der Bühne. Aber für Humor bekannt zu sein, bedeutet ­wenigstens meistens, dass die Leute, die mich erkennen, sich über die Begegnung freuen.

Foto: Dan Cermak
«Manchmal gönne ich mir die erste Klasse. Es ist ein super Gefühl, wenn ich reinkomme und alle denken, ich sei im falschen Abteil.»

Nicht alle finden Ihre Witze zum Lachen. Bei der deutschen Rechten sind Sie verschrien als «linke Zecke» und «Vertreterin der Lügenpresse» – müssen Sie sich in der Öffentlichkeit fürchten?
Auf der Strasse nicht, aber an AfD- oder Pegida-Veranstaltungen schon. Dort werde ich von Bodyguards begleitet, die auch schon eingreifen mussten. Es ist natürlich gut, sich nicht in Angst zu wähnen während eines Interviews.

Warum gehen Sie da überhaupt hin?
Es wäre doch blöd, wenn gar nicht über solche Veranstaltungen berichtet würde, nur weil ich Angst habe.

Wie macht man das, Politiker in die verbale Abseitsfalle laufen zu lassen?
Das kommt auf den Politiker drauf an. Es gibt Situationen, an denen sind die Interviewten selber schuld. Wenn jemand vor laufender Kamera seiner eigenen Logik widerspricht, dann ist das schon ein Glücksfall. 

Wie gehen Sie persönlich mit Kritik um?
Das Wichtigste ist, dass man positive und negative Kritik gleich gewichtet. Wenn einen eine negative Kritik vier Tage lang runterreisst, dann sollte eine positive Kritik einen vier Tage lang aufstellen. 

Verglichen mit vor drei Jahren können Sie heute von Ihren Engagements leben. Was leisten Sie sich?
Ferien sind das, wofür ich am liebsten Geld ausgebe. Ich erinnere mich noch lebhaft an meine brotlosen Poetry-Slam-Zeiten. In Los Angeles war ich in einem solch schäbigen Hostel, dass ich mich nicht getraut habe, meine Wertsachen in den Safe zu legen. Ich habe eine Woche lang auf meinem Koffer geschlafen. Heute ist das anders. Den letzten Sommer habe ich in den USA verbracht und mein Kissen war ein Kissen, kein Koffer. Nach dem Sommer war das Geld dann allerdings aufgebraucht. 

Auch beruflich sind Sie viel am Reisen …
Ja, das Rumfahren ist wohl der Bärenanteil in meinem Job. Wenn die Leute nur selber auf die Idee kämen, die Taschen und Säcke von den leeren Sitzen wegzumachen, wenn ein Zug sich füllt. Dieses «Ist da noch frei?»-Gefrage hat immer etwas leicht Demütigendes. Aber ich reise gerne mit dem Zug. Manchmal gönne ich mir auch die erste Klasse. Einfach, weil
es ein super Gefühl ist, wenn ich reinkomme, nicht besonders gut angezogen bin, und alle denken, ich
sei im falschen Abteil. Dann setze ich mich hin und zücke stolz mein 1.-Klasse-Billet, wenn der Kontrolleur kommt.

Bei welcher Tätigkeit in Ihrem Berufsalltag verlassen Sie Ihre Komfortzone?
Bei Gesprächen mit Experten, bei denen ich als Auflockerung dabei sein soll. Da habe ich manchmal Hemmungen, etwas zu sagen, weil ich von den Themen viel weniger weiss als die anderen Anwesenden. Ich will nicht, dass die Zuschauer denken, ich würde mich ihnen aufzwingen wollen.

Was möchten Sie können?
Den Handstand. Den bin ich jetzt am Üben. Aber ich habe total Angst. Vor dem Fallen, vor einem Fingerbruch, vor dem Ohnmächtigwerden. Ein richtiger Nervenkitzel.

Wenn Sie selber richtig lachen möchten, wem hören Sie zu?
Da gibt es viele. Conan O’Brien zum Beispiel finde ich grossartig. Zu ihm würde ich gerne ins Praktikum gehen. Falls einer der Leser das organisieren kann, wäre das das grösste Geschenk für mich. 






Zur Person

Hazel Brugger, 25, ist der Shootingstar der Schweizer Comedy-Szene. Die Tochter eines Zürcher Neuropsy-chologen und einer Kölner Englischlehrerin kam in  San Diego zur Welt und wuchs in Dielsdorf auf. Nach dem abgebrochenen Philosophiestudium schuf sie sich einen Namen als Slam-Poetin und holte sich mit 19 Jahren den Schweizer-Meister-Titel. Zwei Jahre später präsentierte sie ihr erstes abendfüllendes Comedy-Programm «Hazel Brugger passiert» und räumte damit sämtliche wichtigen Kleinkunstpreise ab, darunter auch den Salzburger Stier. Seit 2016 lebt sie in Köln und ist in der «heute-show» des ZDF als «Aussenreporterin» tätig. Im Februar 2019 hatte ihr zweites Programm «Tropical» Premiere.






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