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Reisemagazin der SBB

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«Traditionen bewahren – Neues erschaffen»

Was ist ein guter Film? Anita Hugi hat dazu eine klare Meinung. Sie ist die neue Direktorin der Solothurner Filmtage, die dieses Jahr vom 22. bis am 29. Januar über die Bühne gehen. Wir sagen: Klappe auf zum Interview! 

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Christine Spirig
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In wenigen Tagen starten die Solothurner-Filmtage– zum ersten Mal unter Ihrer Regie. Sind Sie nervös?
Wir haben uns monatelang intensiv auf dieses Ereignis vorbereitet. Und plötzlich ist es soweit – das ist ein ganz besonderer Moment. Etwas Nervosität ist auch dabei, vor allem aber bin ich gespannt und voller Vorfreude. 

Eine Woche lang werden die Besucher in ganz Solothurn in den Kinos sitzen und sich Filme anschauen. Wie haben Sie das Programm zusammengestellt?
In Solothurn verläuft die Filmauswahl etwas speziell: Das Auswahlkomitee sieht sich jeden eingereichten Film zusammen als Gruppe auf der Leinwand an – in der Regel von 9 bis 23 Uhr. Das ist ein sehr aufwändiges Prozedere, immerhin wurden für diese Ausgabe 624 Beiträge eingereicht, das sind rund 18’000 Filmminuten oder 300 Stunden. Der grosse Aufwand lohnt sich: Man muss einen Film selber anschauen und ihm so die Chance geben, seine Poesie und Magie zu entfalten. Und das ist es, wonach wir suchen. Deshalb verzichten wir bewusst auf eine vorgängige Selektion aufgrund inhaltlicher Fragen, wie es bei anderen Festivals der Fall ist. 

Wer kann Filme einreichen?
Jeder Filmschaffende, der mit der Schweiz verbunden ist. Also ausländische Regisseure, die in der Schweiz leben, oder Schweizer, die im Ausland wohnen und arbeiten. Für die Einreichung fallen keine Gebühren an, es läuft somit alles sehr demokratisch ab. 

Die Solothurner Filmtage sind neben den Filmfestivals Zürich und Locarno der bedeutendste Filmanlass der Schweiz. Was zeichnen die Filmtage aus?
Die Solothurner Filmtage sind der wichtigste Begegnungsort, wenn es um die Schweizer Filmszene geht. Hier treffen sich Filmschaffende und Publikum auf kleinem Raum – zum Filme schauen, aber auch zum Austausch. Jeder Landesteil ist vertreten. In dieser Woche ist Solothurn der «Meltingpot» der Schweiz.

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Anita Hugi, Direktorin der Solothurner Filmtage

Welche Bedeutung hat der Standort Solothurn?
Solothurn ist der Geburtsort des Schweizer Films. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort, vor über 50 Jahren wurden hier von Filmschaffenden politische Forderungen gestellt, damit die Schweizer Filmlandschaft wächst und sich weiterentwickeln kann. Zudem ist dieses Festival tief in der Stadt verwurzelt. Die Filmtage sind nicht nur ein Projekt der Stadt und des Kantons. Auch sehr viele Privatpersonen setzen sich seit vielen Jahren für die Filmtage ein, darunter Familien, die beispielsweise Ihre Immobilien zur Verfügung stellen. Und natürlich tragen die fantastische Kulisse und die vielseitige Beizenkultur zur Einmaligkeit bei. Solothurn ist als Austragungsort einfach unersetzbar. 

Was ist neu an den diesjährigen Solothurner Filmtagen?
Mir ging es nicht darum, alles anders zu machen. Die Filmtage haben sich über die letzten Jahre zu einem Kulturevent der Extraklasse entwickelt. Ich bin froh, darf ich darauf aufbauen. Vereinzelt haben wir neue Akzente gesetzt, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Der Samstagsabend beispielsweise steht ganz im Zeichen der neuen Genreration: Dann findet das Fest der Filmschulen statt und bietet jungen Filmschaffenden die Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen.

Sie haben für die «Sternstunde Kunst» eine eigene Filmreihe produziert und waren Programmdirektorin des Kunstfilmfestivals in Montréal. Was fasziniert Sie am Medium «Film»?
Der Film kann einen in eine ganz andere Welt eintauchen lassen. Er weckt Empathie und erlaubt es dem Betrachter, sich konzentriert auf etwas einzulassen. Trotzdem ist er einfach zugänglich.Ich glaube, dass der Film hilft, die Welt etwas besser zu verstehen.

Wie würden Sie den Schweizer Film charakterisieren?
Was auffällt, ist, dass der Dokumentarfilm eine besondere Stärke der Schweiz ist. Und dies in allen Landesteilen. Aber das Repertoire der Schweizer Filmlandschaft ist riesig, es gibt starke Filme aus jedem Genre. Vor allem Ernstlinge stechen raus: Dort spürt und sieht man, mit welchem riesigen Engagement die Regisseure etwas Neues schaffen wollten. Eigentlich sollte jeder Film wie ein Erstling angegangen werden. 

Lesen Sie das ganze Interview mit Anita Hugi im neusten via-Magazin.






Zur Person
Anita Hugi, 44, löste im August 2019 Seraina Rohrer als Direktorin der Solothurner Filmtage ab. Die ausgebildete Übersetzerin mit einer Weiterbildung in Kulturkommunikation und Journalismus schreibt seit zwanzig Jahren freischaffend für verschiedene Schweizer Medien.

Sie ist seit 2016 Programmdirektorin des Festival International du Film sur l’Art (FIFA) in Montreal und war zuvor ab 2005 als Redaktorin verantwortlich für die Sendung «Sternstunde Kunst» beim Schweizer Fernsehen SRF. In dieser Funktion begleitete sie über 130 Produktionen aus allen Landesteilen und produzierte unter anderem die Filmreihe «Cherchez la femme» mit Beiträgen zu grossen Schweizer Künstlerinnen. Sie gilt zudem als Initiantin des Filmentwicklungspreises «Perspektive Sternstunde Kunst», der seit 2013 im Rahmen der Filmtage verliehen wird. Anita Hugi lebt in Biel.






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