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Reisemagazin der SBB

Ausprobiert fürs via-Magazin der SBB: Feuerlaufen

Tanz auf dem 
Feuer

Barfuss über einen 700 Grad heissen Teppich aus glühender Kohle zu gehen, tönt nach einer schlechten Idee. Wir haben es trotzdem ausprobiert. 

Manuel Bühlmann
photographer

Spiel nicht mit dem Feuer! Ein Tipp fürs Leben. Was jedes Kleinkind eingetrichtert bekommt und spätestens ab der ersten Verbrennung für den Rest des Lebens beherzigt, hat sich auch bei mir schon in jungen Jahren tief in mein Bewusstsein eingebrannt. Jetzt stehe ich barfuss mit einer Gruppe mir unbekannter Menschen vor einem glühenden Teppich aus 700 Grad heisser Kohle und werde gleich darüberlaufen. Was gegen jegliche Vernunft ist und ich bis zu diesem Moment nicht für möglich gehalten habe, wird tatsächlich funktionieren. Warum? Keine Ahnung. Doch jetzt von Anfang an.

Jedes Jahr am 8. Dezember heissen die Feuerlauf-Instruktoren Otto Gerber und Gérard Moccetti Neugierige in Einsiedeln willkommen. Die Begrüssung ist sehr freundlich und die Aufregung in der Gruppe von 27 Personen ist deutlich spürbar. Vielleicht ist es auch Vorfreude, denn unter den Teilnehmern befinden sich einige Wiederholungstäter. Für mich ist es jedenfalls eine Premiere.

Verbrennungen möglich
«Es gibt keine Garantie, dass du dir nicht die Füsse verbrennen wirst», sagt mir Otto Gerber gleich zu Beginn des Kurses. Ich bin etwas irritiert, lasse mir aber nichts anmerken. Ich weiss, dass ein Fotograf kommen wird, um mich beim Lauf übers Feuer zu fotografieren. Und ich bin mit der festen Einstellung gegangen, dass ich sowieso über die Glut laufen werde, egal was komme. Ich will mir schliesslich keine Blösse vor meinem Redaktionsteam geben, das Kenntnis von meinem Unterfangen hat. 

Hör auf deine innere Stimme
Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, zeigt mir der Kursleiter freundlicherweise noch ein paar Fotos, auf denen stark verbrannte Fusssohlen von Feuerläufern zu sehen sind. Und jetzt bin ich so richtig irritiert. Die eindrücklichen Brandblasen lassen erahnen, wie extrem schmerzvoll der Gang über glühende Kohle sein kann. Otto Gerber beruhigt mich sogleich wieder und erklärt: «Aber mach dir keine Sorgen, wir werden dich gut vorbereiten. Und wenn du vor dem Feuer stehst, wird dir deine innere Stimme zeigen, ob du bereit bist.» Er wird recht behalten.

Ausprobiert fürs via-Magazin der SBB: Feuerlaufen
Volle Konzentration: Bevor es über den glühend heissen Kohleteppich geht, müssen die Teilnehmer verschiedene Übungen absolvieren.

Ich lasse mich auf das Abenteuer ein und nehme mir vor, offen für alles zu sein. Bis zum eigentlichen Lauf übers Feuer bleiben schliesslich noch sechs Stunden. Die erste Übung kostet schon etwas Überwindung. Mit geschlossen Augen bewegen sich alle Teilnehmer in einem kleinen Kreis aus Kissen. Es kommt unweigerlich zu kleinen Zusammenstössen. Macht nichts, weiter geht es. Dann werden alle aufgefordert, eine Person zu ertasten und gegenseitig die Hände zu erfühlen – immer noch mit geschlossenen Augen. Die Übung steigert sich, von den Händen geht es über die Arme hoch zu den Schultern und danach mitten in Gesicht einer komplett fremden Person, die natürlich gleichzeitig mit ihren Fingern meinen Kopf ertastet. Ehrlich gesagt ein für mich etwas befremdliches Gefühl. Macht nichts, weiter geht es, sag ich mir.

Es folgen viele weitere Übungen. Davon ist mir eine speziell gut in Erinnerung geblieben. Ich bringe mich vis-à-vis eines Kursteilnehmers in Position, der Abstand geschätzte 30 Zentimeter. Gérard Moccetti zeigt uns einen Holzpfeil mit Metallspitze. Er klärt uns auf, dass die Bruchkraft des Pfeils rund 15 Kilo betrage. Dann setzt er die Spitze an meinen Hals, zwischen Kehlkopf und Schlüsselbein. Das Ende des Pfeils bekommt mein Übungspartner an der gleichen Stelle platziert. Die ganze Gruppe umkreist uns und ruft «PUMA! PUMA! PUMA!». Der Instruktor setzt zum Countdown an und ich spüre unweigerlich, wie ich mich fokussiere und alles um mich herum ausblende. «Fünf, vier, drei, zwei, eins» – mein Partner und ich katapultieren uns beide mit voller Wucht nach vorne, so dass unsere Brustkästen aufeinanderprallen – und der Holzpfeil in zwei Teile zerbricht, ohne dass sich mir die Metallspitze in den Hals gebohrt hat. Ist Physik, lässt sich erklären. Ich fühle mich stark. Ich will jetzt übers Feuer.

Nach weiteren Übungen ist es endlich so weit. Wir gehen raus in die dunkle Nacht und stehen um das imposante Feuer, das wir zwei Stunden zuvor aufgebaut und angezündet hatten. Rund 1,4 Tonnen Holz lodern vor uns hin. Mit einem Rechen verteilen wir die Glut auf einen Teppich von 3 Mal  4 Metern. Um störende Gedanken abzuwenden und den Geist zu beschäftigen, singen wir alle gemeinsam leise ein einfaches Lied. Es ist ein schöner Moment so vor dem Feuer in der Gruppe, die ich im Laufe des Tages sehr schätzen gelernt habe. Die verschiedenen Übungen brauchten teils ziemlich Überwindung und haben dadurch alle Teilnehmer zusammengeschweisst. Ich fühle mich als Teil einer Einheit, die gleich gemeinsam etwas machen wird, das gegen jegliche Vernunft ist.

Ausprobiert fürs via-Magazin der SBB: Feuerlaufen
«Es gibt keine Garantie, dass du dir nicht die Füsse verbrennen wirst», hiess es. Nun ist der Feuerlauf geschafft – und die Füsse sind unversehrt.

Bereit für das Feuer
Dann ist der grosse Moment da. Wir ziehen Schuhe und Socken aus. Die zwei Instruktoren gehen gemeinsam Hand in Hand zuerst über die 700 Grad heisse Glut. Ich folge ihnen, spüre die Hitze an meinem Körper aufsteigen und mehrere Stiche auf der Fusssohle – von den Profis Feuerküsse genannt. Nachdem ich auf der anderen Seite unversehrt angekommen bin, macht sich ein sehr schönes und bestärkendes Gefühl in mir breit. Ich habe es geschafft und laufe euphorisiert mindestens noch fünf weitere Male über die Glut. 

Kein Wissenschaftler der Welt kann erklären, wieso dies möglich ist. Ich finde das gut und nehme für mich mit, dass viel mehr möglich ist, als man denkt.

Wer auch mal barfuss durchs Feuer gehen will, findet hier mehr Informationen: feuerlaufen.ch






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