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Reisemagazin der SBB

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Immer auf Kurs

Mitte Dezember ist Fahrplanwechsel. Die Erarbeitung der Ausgabe 2021 war wegen Corona eine besondere Herausforderung. Doch dank der Fertigstellung des Ceneri-Basistunnels weist der neue Fahrplan viele Verbesserungen auf.

Christine Spirig

Wer am 14. Dezember mit dem öffentlichen Verkehr zur Arbeit fährt, sollte vorher die Verbindungen gut prüfen. Am 13. Dezember tritt der neue Fahrplan in Kraft, wie üblich am zweiten Sonntag des Monats. Der diesjährige Fahrplanwechsel steht ganz im Zeichen der NEAT. Durch die Inbetriebnahme des 15,4 Kilometer langen Ceneri-Basistunnels verkürzen sich die Fahrzeiten zwischen Zürich/Basel/Luzern und dem Tessin bzw. Mailand merklich. Auch die Güterverkehrsbranche profitiert von kürzeren Fahrzeiten, erhöhten Lasten pro Zug und einem durchgehenden 4-Meter-Korridor. Und schliesslich erhält der Regionalverkehr in der Südschweiz mit der S-Bahn Ticino eine halbstündliche Verbindung zwischen Lugano, Bellinzona und Locarno. 

Corona legte Baustellen still
Letzteres Angebot tritt allerdings erst am 5. April 2021 in Kraft. «Durch den Lockdown ergaben sich für die SBB diverse Verschiebungen in den Vorbereitungen des Fahrplanwechsels», erklärt Marc Marlétaz, Leiter Planung SBB für die Region Mitte am Standort Olten. «Unter anderem mussten wir etliche Bauarbeiten auf dem Streckennetz runterfahren, um die Sicherheit des Baupersonals zu gewährleisten, teilweise fielen ganze Teams wegen Vorsichtsmassnahmen aus», erzählt er. Mit den Grenzschliessungen fehlte zusätzliches Personal. All das benötigte eine sehr anspruchsvolle Neuplanung und führte schliesslich dazu, dass für das Jahr 2021 zwei Fahrplanwechsel – der ordentliche am 13. Dezember 2020 und dessen Finalisierung im kommenden Frühjahr – nötig wurden. Der Fokus der Infrastrukturarbeiten musste auf die Projekte mit den grössten Auswirkungen auf den Fahrplan gelegt werden – etwa die Fertigstellung des Ceneri, den Doppelspurausbau Zugersee Ost und den Ausbau des Eppenberg-Tunnels im Solothurnischen. «Dass diese Arbeiten nun zeitgerecht fertiggestellt wurden, ist eine riesige Leistung sämtlicher Mitarbeitenden», sagt Marlétaz.

Aber auch abgesehen von Corona ist ein Fahrplanwechsel kein automatisierter Prozess, der mit der Inkrafttretung im Dezember endet, sondern eine hochkomplexe und über mehrere Jahre dauernde Planungsarbeit. Rund 300 Personen aus der Abteilung SBB Infrastrukturplanung und eine Vielzahl von Planern bei den Eisenbahnverkehrsunternehmungen sind daran beteiligt. Marlétaz vergleicht die Fahrplangestaltung gerne mit dem Bild eines Zahnradgetriebes: «Wir arbeiten Hand in Hand, es braucht jedes einzelne Rädchen, damit es läuft.» Der ganze Prozess vom Konzept bis zum Fahrplan dauert gemäss Marlétaz rund 20 Jahre. An dessen Anfang steht das Bundesamt für Verkehr (BAV). Dieses erarbeitet zusammen mit den Kantonen und Transportunternehmungen ein Konzept, das die Infrastrukturbauten und Trassen für den Personen- und Güterverkehr über einen definierten Zeithorizont bestimmt. Das Parlament stimmt schliesslich über das Angebotskonzept und die Finanzierung der dafür nötigen Ausbauten ab. Das aktuelle Konzept ist bis 2025 ausgerichtet, im Jahr 2021 wird dasjenige für 2035 veröffentlicht. «Dank dieser Abstimmung können wir in der Schweiz den öffentlichen Verkehr sehr zielgerichtet und kontinuierlich ausbauen», ist Marlétaz überzeugt. «Und so dem gesetzten Ziel Jahr für Jahr einen Schritt näher kommen.»

Konflikte gehören dazu
Die konkrete Umsetzung für ein Fahrplanjahr erfolgt ebenfalls unter der Federführung des BAV zusammen mit den Kantonen, den Eisenbahnverkehrsunternehmen, Bahninfrastrukturbetreibern sowie weiteren Verkehrsunternehmen. Zu welchem Zeitpunkt welcher Angebotsschritt eingeführt werden kann, ist von vielen Faktoren abhängig wie etwa Rollmaterialbeschaffung, Ausbauten am Netz sowie Infrastruktur und Finanzierung. Ungefähr zwölf Monate vor dem Wechsel wird der Jahresfahrplan unter der Aufsicht der unabhängigen Trassenvergabestelle konkretisiert. Nachdem die Eisenbahnunternehmen im April ihre Zugverbindungen bestellt haben, muss die Planung SBB diese prüfen und allfällige Konflikte lösen. «Solche Konflikte gibt es immer wieder, wenn mehrere Besteller zur gleichen Zeit die gleichen Teilstrecken befahren möchten. Unsere Aufgabe ist es dann, für jeden eine gute Lösung zu finden», erklärt Marlétaz. Parallel zum Fahrplanangebot werden Einsatzpläne für Züge und Personal sowie sämtliche Kundeninformationen vorbereitet. «Und selbst während dieser intensiven Zeit kommt es immer wieder zu Änderungen und Verschiebungen, für die wir fristgerecht Lösungen suchen müssen.»

Auch der Bahnkunde redet mit
Sämtliche Interessen, Änderungen und Wünsche zu berücksichtigen und mit anderen Verkehrsunternehmen abzustimmen, nennt Marlétaz eine Knochenarbeit. Weil der Fahrplanwechsel in ganz Europa stattfindet, müssen auch die ausländischen Bahnverkehrsunternehmen in den Gestaltungsprozess miteinbezogen werden. Und nicht zuletzt die Bedürfnisse der Kunden. Jeweils Anfang Juni wird der aktuelle Stand des neuen Fahrplans der Öffentlichkeit vorgestellt. Während ungefähr zweier Wochen haben Kundinnen und Kunden die Möglichkeit, sich zum Fahrplanentwurf zu äussern. Die Kantone sammeln die eingegangenen Stellungnahmen, werten diese aus und unterbreiten sie den betreffenden Eisenbahnverkehrsunternehmen. Die Planung SBB prüft die Eingaben bezüglich Umsetzbarkeit. «Wir versuchen aber das ganze Jahr hindurch, aufgrund von Kundenreaktionen und Umfragen, die Bedürfnisse zu eruieren», ergänzt Marlétaz. «Das ist wichtig, denn der öffentliche Verkehr ist für die Schweizerinnen und Schweizer von sehr grosser Bedeutung.»

Was Kundinnen und Kunden wenig mitbekommen: Auch unter dem Jahr finden Fahrplanänderungen statt; inklusive Fahrplanwechsel sind es sechs. Sie betreffen insbesondere den Güterverkehr. Gründe dafür sind der liberalisierte Markt mit wechselnder Auftragsvergabe, Anpassungen in der Produktion, neue Lieferstandorte und geänderte Güternachfrage je nach Konjunkturlage. Und nicht zuletzt gehören sämtliche Änderungen im Tagesfahrplan in den Aufgabenbereich der Planer. Im Team von Marlétaz sind 20 Mitarbeitende damit beschäftigt, auf kurzfristige Bestellungen zu reagieren, Vorschläge zu erarbeiten und die Anpassungen schliesslich in die Wege zu leiten. Berücksichtigt werden müssen hier nicht nur die Abfahrtszeiten oder die belegten Gleise, auch die Geschwindigkeit der betreffenden Züge fliesst in die Planung mit ein. «Unsere Mitarbeitenden brauchen ein grosses Bahnwissen, um dieser Aufgabe gerecht zu werden», sagt Marlétaz, der mit 48 schon eine 32-jährige Bahnkarriere hinter sich hat.

Ist er erleichtert, wenn am 13. Dezember der neue Fahrplan endlich angelaufen ist? «Dann beginnt die ‹Bewährungsprobe›», erklärt Marlétaz. Nötige, kleine Verbesserungen und Anpassungen seien in dieser Phase an der Tagesordnung. Zudem laufen bereits die Arbeiten am Fahrplan 2022. «Ein Fahrplanwechsel ist ein stetiger Prozess, der nie aufhört», so Marlétaz. «Aber genau das macht die Tätigkeit ja so spannend.»






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