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Reisemagazin der SBB

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«Die NEAT war ein 
mutiger, weitsichtiger Entscheid»

Das Jahr 2020 hat es für Simonetta Sommaruga in sich: Sie ist Bundespräsidentin, Krisenmanagerin und hat als UVEK-Vorsteherin das grösste Bauprojekt des 
Jahrhunderts bis zu seinem Ende begleitet. Im Interview kam deutlich zum Ausdruck: Ihr Herz gehört dem öffentlichen Verkehr.

Christine Spirig

Ihr Präsidialjahr geht dem Ende entgegen. Ein Jahr, das massgeblich von der Corona-Pandemie bestimmt war. Wie haben Sie es erlebt?
Es war für alle ein sehr herausforderndes Jahr mit Einschränkungen und viel Unbekanntem. Auch für mich in meiner Funktion. Dass ich Erfahrung als Bundesrätin habe, hat mir sicher geholfen. Und auch, dass dies nach 2015 mein zweites Jahr als Bundespräsidentin ist. Aber natürlich ist 2020 ganz anders als ein klassisches Präsidialjahr. Ich bin vor allem Krisenmanagerin – und das fast rund um die Uhr.

Wie beurteilen Sie als UVEK-Vorsteherin die Auswirkungen von Corona auf den öffentlichen Verkehr?
Die Passagierzahlen sind eingebrochen. Ich bin aber überzeugt, dass sich der öffentliche Verkehr erholen wird und die Passagiere zurückkommen. Weil das Angebot stimmt. Und weil die Bevölkerung auch an die Umwelt denkt. Mit dem Trend zum Home Office werden manche Pendlerzüge vielleicht nicht mehr gleich stark belegt sein wie früher. Aber das kann durchaus positiv sein. Das Vertrauen in den öffentlichen Verkehr bleibt jedenfalls unverändert hoch. Denn es hat sich auch während des Lockdowns gezeigt: Wer auf den ÖV angewiesen war, konnte sich voll darauf verlassen.

2020 hatte auch Erfreuliches zu bieten: Mit dem 
Ceneri-Basistunnel konnte das Jahrhundertprojekt Neue Eisenbahn-Alpentransversale NEAT nach 28 Jahren Bauzeit vollendet 
werden. Die Einweihung fand am 4. September statt – allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Haben Sie das bedauert?
Die NEAT ist etwas, worauf wir Schweizerinnen und Schweizer sehr stolz sein dürfen. Es ist schade, dass wegen Corona nicht alle wie geplant dabei sein konnten. Dennoch war es ein schöner Moment. Und wir haben den Ceneri und die NEAT ja nicht für die Eröffnungsfeier gebaut, sondern für die Bevölkerung und die nachfolgenden Generationen.

Wird die Eröffnungsfeier nachgeholt?
Die offizielle Eröffnung hat stattgefunden, wenn auch anders als ursprünglich geplant. Im Frühjahr sind weitere Anlässe vorgesehen – mit der Bevölkerung und den Menschen, die an dem Projekt gearbeitet haben. Ich hoffe, dass es trotz Corona klappt.

Die NEAT hat fast 40 Jahre Planung und Bau sowie Investitionen von beinahe 23 Milliarden Franken gefordert. So viel Zeit, so viel Geld – hat es sich gelohnt?
Ja, davon bin ich überzeugt! Ohne diese Investition hätten wir den ganzen Güterverkehr auf der Strasse statt auf der Schiene. Mit dem Entscheid für die NEAT hat sich die Bevölkerung 1992 deutlich gegen eine Lastwagenlawine ausgesprochen und mit der Alpeninitiative nochmals klargemacht, dass sie die Alpen schützen und die Güter auf die Schiene verlagern will. Das war ein sehr mutiger, weitsichtiger Entscheid.

Während in der Schweiz heute 70 Prozent aller alpenüberquerenden Gütertransporte auf der Schiene stattfinden, sind es in den Nachbarländern massiv weniger. In Österreich gerade mal 30 Prozent. Was macht die Schweiz besser?
Wir haben früh entschieden, dass der Güterverkehr durch die Alpen auf die Schiene gehört, und entsprechend investiert. Das zahlt sich nun aus. Dank der NEAT und den Massnahmen, die wir ergriffen haben, sind heute fast 1 Million Lastwagen weniger auf der Strasse. Wenn ich mit meinen ausländischen Amtskollegen rede, wird deutlich, dass die Schweiz in der Verlagerungspolitik eine Vorreiterrolle hat. Aber auch wir sind noch nicht am Ziel angelangt. Den Auftrag der Alpeninitiative haben wir noch nicht erfüllt. 

Gemäss Alpeninitiative, die 1994 vom Volk angenommen wurde, dürften seit Ende 2018 noch höchstens 650000 Lastwagen pro Jahr die Alpen queren. Noch sind es 950000. Welche Massnahmen wollen Sie umsetzen,
um dieses Ziel zu erreichen?
Wir wissen, dass die Transporteure und Camionneure die Schiene der Strasse vorziehen, wenn die Voraussetzungen stimmen, also wenn die Transporte pünktlich und zuverlässig sind und auch der Preis stimmt. Damit noch mehr Container auf die Schienen kommen,habe ich dem Bundesrat schon im letzten Jahr zusätzliche Massnahmen vorgeschlagen: Der Schienentransport wird günstiger, und wir verlängern die Unterstützung für die Branche. Aber auch die Nachbarländer sind gefordert, die Zulaufstrecken zu stärken. Die NEAT ist das Herzstück für den Gütertransport in Europa, von der Nordsee zum Mittelmeer. Italien ist gut unterwegs, aber Deutschland hat mit dem Ausbau der Rheintalstrecke auf vier Gleise Verspätung. Ich habe daher schon im letzten Jahr mit dem deutschen Verkehrsminister eine Vereinbarung getroffen, damit es in Deutschland vorwärtsgeht.

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Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga ist bekennender Zug-Fan.

Was ist mit dem Personenverkehr? Fast 6 Millio­nen Autos fahren jährlich durch den Gotthardtunnel in Richtung Süden. Sind Transitverkehrs­abgaben für Personenwagen denkbar?
Im Moment ist das kein Thema. Mit dem Zug ist man jetzt ja viel schneller im Süden als mit dem Auto. Von Zürich nach Lugano braucht man gerade noch zwei Stunden. Wenn ich es mit damals vergleiche, als ich als Kind mit meinen Eltern ins Tessin gefahren bin, ist das unglaublich schnell.

Dank dem Ceneri-Basistunnel kommen wir nicht nur schneller vom Norden in den Süden und umgekehrt, sondern auch die Regionen im Tessin rücken näher zusammen.
Das Tessin war lange gespalten in Sottoceneri und Sopraceneri. Der Monte Ceneri trennte die Menschen nicht nur geografisch, sondern auch gesellschaftlich. Jetzt rücken Nord und Süd zusammen. Mit dem neuen ­S-Bahn-System ist man in einer Viertelstunde von Bellinzona in Lugano, das ist weniger als manche Tramfahrt in der Stadt. Man kommt sich automatisch näher. Das ist ein riesiger Fortschritt, der vieles verändern kann. 

Die Alpeninitiative ist vor über 30 Jahren aus einer Art Bürgerbewegung aus Alpenschützerinnen und Alpenschützern entstanden. Heute – beim Abschluss des Grossprojekts NEAT – haben wir die Klimajugend, die sich unter anderem für die Gletscherinitiative stark macht. Sehen Sie Parallelen?
Ja, die sehe ich durchaus. Ende der 1990er-Jahre haben sich viele Menschen aus Sorge um die Natur gesagt: So können wir nicht weitermachen. Und so haben sie die Alpeninitiative lanciert. Hinter der Gletscherinitiative steckt der gleiche Grundgedanke: Wir müssen Klima und Umwelt besser schützen. Dieses Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger hat in der Schweiz Tradition. Und die direkte Demokratie bietet mit der Volksinitiative die Möglichkeit mitzugestalten.

Als Umwelt- und Verkehrsministerin sind Sie auch ein Vorbild. Sie sind quasi gezwungen, Zug zu fahren.
Ich bin überzeugte Zugfahrerin, schon immer, nicht erst, seit ich im UVEK bin. Im Zug kann ich lesen, Musik hören, Gespräche führen und auch sehr gut arbeiten. Ich esse auch gerne im Zug. Und etwas vom Tollsten finde ich Zugfahren in der Nacht. Schon als Jugendliche bin ich gern mit dem Nachtzug gereist, im Sitzabteil oder in der Couchette mit fünf anderen. Es ist ein anderes Reisen, wenn man eine Nacht lang unterwegs ist, die Distanz spürt, die man zurückgelegt hat. Und es gibt doch nichts Schöneres als den ersten Kaffee nach dem Aussteigen am Morgen mitten in einer schönen Stadt! Ich freue mich, dass die SBB zusammen mit ausländischen Bahnunternehmen dieses Angebot wieder ausbaut. 

Die Fliegerei hat in den letzten Jahren an Akzeptanz verloren. Werden Nachtzüge das neue Fliegen?
Innerhalb von Europa ist das gut vorstellbar. Die Menschen reisen gern, um Neues zu entdecken. Und das sollen sie auch. Wenn sie das klimafreundlich machen, umso besser. Dazu braucht es gute Alternativen zum Fliegen. Die NEAT zeigt, dass das funktioniert.






Zur Person
Simonetta Sommaruga, geboren 1960 und in Sins AG aufgewachsen, ist ausgebildete Konzert­pianistin. Ab 1993 arbeitete sie als Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz, die sie von 2000 bis 2010 präsidierte. Von 1999 bis 2003 war sie National­rätin. Von 2003 bis 2010 vertrat sie den Kanton Bern im Ständerat, dann erfolgte ihre Wahl in den Bundesrat. Von 2010 bis Ende 2018 stand sie dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement EJPD vor, seit dem 1. Januar 2019 ist Simonetta Sommaruga Vor­steherin des Eidgenössischen Departementes für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation UVEK. Am 11. Dezember 2019 wurde sie zum zweiten Mal nach 2015 zur Bundespräsidentin gewählt. 






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