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Reisemagazin der SBB

Piemont / Foto: Alberto Giuliani

Das weisse Gold aus dem Piemont

Er wirkt unscheinbar, dieser knollige Pilz – und doch geniesst er Weltruhm: die begehrte weisse Trüffel aus Alba – die Königin ihrer Art. Sie ist so kostbar wie kaum eine andere Delikatesse und lässt manch ein Feinschmecker-Herz höherschlagen. «via» auf Schatzsuche im Piemont.

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Simona Marty
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«Dai, dai, dai!», ruft Giorgio seinen Hunden hinterher. Los, los, los. Lizzy und Brio flitzen mit gesenktem Kopf und der Nase dicht über dem Boden durch das lichte Waldstück nahe der malerischen Stadt Alba. ­Giorgio, Trüffeljäger seit über 30 Jahren, folgt seinen Vierbeinern geschwind. «Jetzt beginnt die schönste Zeit im Piemont», sagt der 63-jährige Italiener mit einem Strahlen im Gesicht. «Es ist die Zeit der Trüffel.» Ab Oktober, wenn der Nebel morgens aus den Tälern steigt und die Herbstsonne die Weinberge in goldenes Licht taucht, machen sich Hunderte Trüffeljäger auf zu ihren geheimen Plätzen in die piemontesische Hügellandschaft der Langhe, von Roero und Monferrato. ­Giorgio ist einer von ihnen. Heute nimmt er uns mit auf eine magische Reise zum weissen Gold aus Alba.

Giorgio, Trüffeljäger / Foto: Alberto Giuliani
Giorgio, Trüffeljäger seit 30 Jahren, mit seinen Hunden Brio und Lizzy auf Schatzsuche.

Die Königin unter den Pilzen
Das Piemont ist nicht nur für seine märchenhaft schöne Landschaft bekannt – die Region im Nordwesten Italiens ist auch Heimat der besten Trüffelsorten der Welt. Neben den weit verbreiteten – in ihrem Geruch aber weniger intensiven – schwarzen Trüffeln ziehen insbesondere die weissen Exemplare jedes Jahr unzählige Touristen in die Gourmethochburg. Die «Tuber magnatum Pico», wie die kostbare Knolle mit lateinischem Namen heisst, ist die Königin aller Trüffel­arten und eine der teuersten Delikatessen weltweit. Ein Kilo kostet gut und gerne mehrere tausend Franken. So teuer ist die Trüffel, weil die Knollen nur schwer zu finden und ihre Ernte so aufwendig ist. Wer den Edelpilz nicht nur kosten, sondern mehr über seine Herkunft erfahren will, kann sich in Alba auf Spurensuche begeben. So wie Giorgio bieten auch andere Jäger geführte Touren mit ihren ausgebildeten Hunden an – die eignen sich dank ihrer feinen Spür­nasen besonders gut für die Trüffelsuche. Auch Schweine können den betörenden Duft bis weit unter die Erdoberfläche riechen. Da die borstigen Vierbeiner in der Vergangenheit die kostbaren Trüffel aber oft gleich selber gefressen haben, kommen sie heute nicht mehr zum Einsatz. Für Menschen dagegen ist es nahezu unmöglich, die Trüffel mit blossem Auge oder der Nase zu entdecken. Bis zu einem Meter tief können die Knollen im Boden begraben sein.

Heisser Sommer senkt die Preise
Unsere Tour führt uns oberhalb der Weinbauregion Costigliole d’Asti eine steile Böschung hinauf. Zwischen dem Baumdickicht zeigt sich die herbstliche ­Hügellandschaft, immer wieder blickt das bunt leuch­tende Weinlaub hervor. Kurz nachdem wir den ersten Hang durchquert haben, springen die beiden Hunde hastig davon. Brio hat seine Ausbildung bei Giorgio erst vor wenigen Wochen begonnen, noch gehorcht er nicht auf Kommando. Auf einer Lichtung bleibt der braune Vierbeiner plötzlich stehen und beginnt die trockene Erde zur Seite zu scharren. Giorgio eilt heran und buddelt mit einer kleinen Hacke ein Loch frei. Und tatsächlich: Rund 20 Zentimeter unter der Erde kommen sie zum Vorschein – zwei weisse, rundliche Knollen. Ein breites Grinsen steht in Giorgios Gesicht. «Sie sind weiss – gut gemacht!», ruft er und tätschelt Trios Flanke.

Ein intensiver Geruch steigt in die Luft. Es riecht süss und nussig, nach Erde und Knoblauch. «Die Magie der weissen Trüffel liegt nicht in ihrem Geschmack, sie liegt in ihrem Duft», sagt Giorgio und führt seine Hand zur Nase. Etwa 30 Gramm wiegen die beiden Exemplare, die wir heute von unserer Suche zurückbringen. Auf dem Markt würden sie Giorgio umgerechnet rund 170 Franken einbringen. Dieses Jahr sei die Qualität der Ernte allerdings schlecht. Der heisse Sommer hat die Böden ausgetrocknet. Was die Reben der Gegend mögen, schadet den Pilzen unter dem Grund. Die Trüffel gedeiht dann, wenn die Erde feucht und kalkhaltig ist.

Piemont / Foto: Alberto Giuliani
Im Herbst, wenn der Nebel aus den Tälern steigt, tauchen die Sonnenstrahlen die Hügel bei Barolo in leuchtend goldenes Licht. Einfach magisch!
La Morra, Piemont / Foto: Alberto Giuliani
Das kleine Dörfchen La Morra liegt auf einem Hügel nahe bei Alba. Der Ausblick auf die umliegenden Weinberge ist atemberaubend.

Eine Liebesgeschichte
Auch in besseren Jahren hat die Trüffelernte Giorgio und seinem älteren Bruder Natale nie zum Überleben gereicht. «Die Trüffelsuche war und ist für uns reine Leidenschaft», erzählt Natale auf dem Familien­anwesen «Casa del Trifulau» – dem Haus des Trüffel­jägers –, welches die beiden Brüder heute gemeinsam bewirtschaften. Mit der Trüffel sei es so wie mit der ersten grossen Liebe. «Sie lässt dich ein Leben lang nicht mehr los.» Schon als kleine Buben habe ihr Vater sie in die Jagdgeheimnisse eingeweiht, mit zehn Jahren nahm er sie bei Nacht und Nebel das erste Mal mit. Die gefundenen Kostbarkeiten hätten sie jeweils auf dem Sims vor dem Kinderzimmer aufbewahrt. «Der Duft hat bei offenem Fenster den ganzen Raum erfüllt», schwärmt Natale, während er die beiden Trüffel sorgfältig über den frischen Käse hobelt und uns zum Probieren reicht.

Die Liebe zur Trüffel ist seit der Kindheit geblieben, das Geschäft mit dem edlen Pilz aber hat sich verändert. Hätten sich die Jäger früher noch mit dem Vornamen gegrüsst, sei die Konkurrenz heute gross. Es soll Fälle gegeben haben, in denen Hunde mit Ködern vergiftet wurden. Weit über 5000 Jäger sind aktuell in der Region registriert.

Trüffelmesse in Alba / Foto: Alberto Giuliani
An der Messe in Alba wird jede Trüffel auf ihre Qualität geprüft.
Tartufo / Foto: Alberto Giuliani
Gaumenschmaus pur: Tagliatelle con tartufo und ein Glas Barolo.

Reise für alle Sinne
Dass das Business floriert, offenbart sich beim Besuch des Alba-Trüffelmarkts, der weltweit grössten Messe für Trüffel, die jeweils an den Wochenenden im Oktober und November stattfindet. 30 bis 40 Kilo Trüffel wechseln hier täglich den Besitzer. Bereits wenige Minuten nach Türöffnung herrscht ein wildes Treiben in der grossen Halle. In bunt karierte Küchentücher eingewickelt, werden die frisch gesammelten Schätze von den Trüffelsuchern zur Qualitätskontrolle gebracht. Manche haben 20, 30 Stück dabei. Jedes einzelne Exemplar wird vor dem Kauf unter den kritischen Augen und der feinen Nase eines Richter geprüft. Form, Geruch, Grösse und Farbe bestimmen die Qualität und folglich den Preis. Das Entscheidende aber sind die Reife und die Haltbarkeit. Bereits sieben Tage nach der Ernte verflüchtigt sich der typische Geruch der Trüffel und damit ihr ganzer Zauber – nicht so aber an diesem Wochenende in Alba.

Überall, wo wir hinkommen, riecht es nach der unverkennbaren Knolle. Eine himmlische Trüffelnote umhüllt die ganze Stadt. Zeit, den edlen Pilz selbst zu verkosten, zubereitet wie für die Einheimischen: in hauchdünnen Scheiben auf selbstgemachten Tagliatelle mit einem schönen Glas Rotwein. Da die weisse Trüffel beim Erhitzen ihren Geruch verliert, sollte sie übrigens nie gekocht und immer nur über das Essen gehobelt werden. Der Italiener weiss zu geniessen. Nirgendwo gilt das mehr als im Piemont, der Geburtsstätte der Slow-Food-Bewegung und Heimat kulinarischer Reichtümer. Dank des fruchtbaren Bodens ist die Region um Alba längst nicht nur wegen ihrer Trüffel ein Schlaraffenland für Gourmets. Hier gedeiht auch eine der wohl edelsten Rotweintrauben Italiens, die Nebbiolo. Nicht umsonst nennen die Italiener ihren Barolo «König der Weine und Wein der Könige». Und so heben wir das Glas auf eine wahrlich genussvolle Reise. Legendäre Rotweine, himmlisch duftende Trüffel, märchenhafte Landschaften – Piemont, wir kommen wieder!






Trüffelsuche
in Costigliole d’Asti Giorgio und Natale sind ein wandelndes Lexikon, wenn es ums Thema Trüffel geht. Wer die beiden Brüder bei der Trüffelsuche begleitet, lernt einiges über den knolligen Pilz. Die gefundenen Trüffel werden danach selbstverständlich verkostet.
www.lacasadeltrifulau.it

Essen in Alba
Wer die Wahl hat, hat die Qual. In Alba gibt es zahlreiche Verköstigungsmöglichkeiten. Uns hat das Essen im Enoclub besonders gut geschmeckt. Die Backsteinmauern im unteren Teil des Restaurants sorgen für das besondere Ambiente. Unbedingt vorher reservieren!
www.caffeumberto.it

Schlafen in La Morra
Auf einem Hügel rund 16 Kilometer ausserhalb von Alba liegt das kleine Örtchen La Morra. Der Ausblick auf die piemontesischen Weinberge ist von hier besonders schön. Wer es klein und fein mag, sollte bei Ekaterina vorbeischauen. Zusammen mit ihrem Mann führt sie das hübsche Boutiquehotel Villa Katarina. Die Zimmer sind liebevoll dekoriert, und das Frühstück ist vielseitig und frisch.
www.villakaterina-lamorra.com

Anreise nach Alba
Ab Zürich 6 Stunden 44 Minuten
Ab Bern 6 Stunden
Ab Brig 5 Stunden 9 Minuten





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