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Reisemagazin der SBB

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«Wie langweilig wäre eine fehlerlose Welt?»

Was der Berliner Schauspieler Max Simonischek nicht gerne mag? Auf Fotos lächeln. Was er mag? Die Schweiz. Den Schweizer Pass hat er schon, er spricht etliche Schweizer Dialekte und zu sehen ist er aktuell abermals in einem grossen Schweizer Spielfilm – als «Zwingli – der Reformator». Was jetzt noch fehlt? Ein Umzug.

 

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Janine Radlingmayr
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Sie sind in Berlin geboren und haben auch den grössten Teil Ihres Lebens in Deutschland verbracht.
Aktuell spielen Sie den grossen Schweizer Reformator Zwingli. War Ihnen Zwingli überhaupt ein Begriff?
Nein, überhaupt nicht. Mit ihm bin ich das erste Mal überhaupt in Berührung gekommen, als man wegen der Filmrolle auf mich zukam. Da meine Mutter aus Basel stammt, bin ich Schweizer Staatsbürger. Ich habe sogar von meinem zweiten bis siebten Lebensjahr in Zürich gelebt. Doch danach bin ich in Deutschland eher
mit Luther aufgewachsen und nicht mit Zwingli. Überhaupt war meine ganze Erziehung eher unreligiös.

Wie haben Sie dann in die Rolle des grossen Schweizer Reformators gefunden?
Ich habe früh festgestellt, dass Zwingli mit recht vielen Vorurteilen besetzt ist: arbeitsbeflissen, kein Spass, überkorrekt. Alles eher negativ. Doch ich konnte mich der Person ganz unvoreingenommen nähern und ein etwas anderes Bild des Zwingli zeichnen.

Ist das generell ein Vorteil, wenn man historische Figuren spielt?
Ja, unbedingt, auch im Fall von Zwingli. Von ihm gibt es zwar viele Texte, aber nur ein Bild. Da ist definitiv genug Spielraum für die eigene Fantasie. Zudem war Geschichte immer mein Lieblingsfach in der Schule.

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Ob in Kinofilmen wie «Der Verdingbub» und «Die göttliche Ordnung» oder dem TV-Zweiteiler «Gotthard» – immer wieder steht Schauspieler Max Simonischek (37) für grosse Schweizer Themen vor der Kamera. Aktuell zu sehen ist er als Schweizer Held im Kinofilm «Zwingli – der Reformator».

Sie waren also rasch Zwingli-Fan?
Sofort, als ich feststellte, wie revolutionär er tatsächlich vor 500 Jahren für Zürich, für die Schweiz war. Für mich ist Zwingli deswegen auch eher Revoluzzer als Reformator. Er hat für unsere heutige Demokratie entscheidende Dinge wie selbstständiges Denken aufgegleist. Darüber hat er mich erreicht – weniger über das Religiöse. Ich bin ja nicht einmal getauft.

Trotzdem haben Sie die Rolle bekommen.
Ich habe den Verdacht, dass oft nicht inhaltliche Gründe über die Besetzung entscheiden, sondern: Welcher Schauspieler passt dem Regisseur? Muss der Hauptdarsteller aus der Schweiz sein, weil Geld aus der Schweiz kommt? In diesem Fall war man wohl relativ frei bei der Schauspielerwahl. Ich musste kein Casting machen, was selten ist.

Sie sagten kürzlich, dass Sie für den Schweizer «Tatort» zur Verfügung stünden – gemeinsam mit Ihrer Mutter. Warum?
Wir fanden das eine super Idee, weil ein Mutter-Sohn-Gespann immer viel Konfliktpotential bietet – doch da waren wir anscheinend die Einzigen. Wir haben im Film «Zwingli» das erste Mal gemeinsam vor der Kamera gestanden und das hat richtig gut funktioniert und Spass gemacht.

Warum erst jetzt? Ihre Mutter ist schon ewig Schauspielerin und Sie üben den Beruf ja auch bereits seit über zehn Jahren aus.
Ich habe recht früh gemerkt, dass ich in diesem Beruf erst einmal meine eigenen Wege gehen und dann beruflich auf meine Eltern treffen will. Ich wollte nicht am Rockzipfel hängen. Heute bin ich am Theater wie auch  beim Film etabliert und wollte es versuchen. Das Ergebnis war ziemlich überraschend. Für mich war meine Mutter plötzlich wie jede andere Kollegin am Set.

Ihre Mutter ist Schweizerin. Fühlen Sie sich als Schweizer?
Als Europäer. Bisschen Schweizer, bisschen Deutscher, bisschen Österreicher. Aber ich komme immer gerne in die Schweiz.

Wofür steht die Schweiz bei Ihnen?
Pünktliche Züge, Familie in Basel, Onkel, Cousinen, meine Göttis. Natur sicherlich auch – Seen, Berge. Die Sauberkeit. Die Schweiz kommt mir fast ein bisschen irreal vor. Früher als Student hatte ich oft das Gefühl rauszumüssen – dafür ist Berlin ideal: in der U-Bahn zu sitzen und die Leute zur Arbeit fahren zu sehen. Vielen hat man angesehen, dass sie Sorgen haben – das echte Leben halt. In Zürich schlägt einem der Wohlstand schon ziemlich ins Gesicht.

«Ich habe das Gefühl, die Schweiz ist ein besserer Ort, um ein Kind grosszuziehen.»






 

Trotzdem kommen Sie regelmässig hierher?
Ich überlege sogar, wieder hierherzuziehen, spätestens wenn mein Kind eingeschult wird. Mir gefällt das Schweizer Schulwesen, und die Lebensqualität ist in der Schweiz besser. In Berlin wohnen wir am Hermannplatz, also in Neukölln. Ich habe das Gefühl, die Schweiz ist doch ein besserer Ort, um ein Kind grosszuziehen, anstatt in Berlin durch die Kotze zu waten.

Wie lief es im Film eigentlich mit Züridütsch?
Obwohl ich als Kind ein paar Jahre hier gelebt habe, musste ich mir für den Film vor allem das besondere R draufschaffen. Viele Wörter, die ich damals gebrauchte, wirken heute ein bisschen altmodisch, zum Beispiel «Ade». Meine Freunde korrigieren mich dann oft, dass man das nicht mehr sage.

Andere Schweizer Dialekte?
Für den Film «Göttliche Ordnung» musste ich mir damals den St. Galler Dialekt aneignen, für den «Verdingbub » Berndütsch. Meine Mutter stammt zudem aus Basel. Es ist also ein Kauderwelsch.

Nehmen Sie Ihre Familie mit, wenn Sie länger in anderen Städten sind?
Klar, egal ob Drehs oder Proben. Meine Frau ist Journalistin, die kann überall arbeiten.

Was machen Sie dann in Zürich?
Ich gehe wahnsinnig gerne baden – beispielsweise vom Steg neben dem Seebad Enge aus. Und ein Muss ist eine Bratwurst am Sternen oder bereits am HB bei der Ankunft eine gute St. Galler. Sehr schön sind im Winter Spaziergänge auf dem Uetliberg. Mit der Uetlibergbahn hoch, wandern und etwas essen: Da war ich kürzlich zum Fondue in einer tollen Hütte, Restaurant Jurablick, sehr urchig, man kann nur cash zahlen. Und Theaterbesuche sind in Zürich immer gut.

Sie selbst haben am Theater am Neumarkt «Der Bau» von Kafka inszeniert und die Hauptrolle gespielt.
Das Neumarkt ist so toll, weil man dort noch gemeinsam etwas schaffen kann. An grossen Häusern ist das oft nicht mehr ganz so. Die Schauspieler müssen auch mit anpacken, sonst läuft der Laden nicht. Ob man nun danach an der Bar steht, was auch immer.

Wie ist das am Filmset – acht Wochen waren Sie für «Zwingli» zusammen?
Bei Film und Fernsehen ist Zeit Geld. Beim «Zwingli» habe ich aber einen wahnsinnigen Teamgeist am Set erlebt. Dieses Gruppengefühl kannte ich in der Form beim Film noch nicht.

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Hat das auch mit dem Thema des Films zu tun?
Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht, kann aber sein, wenn man sich ständig mit seinen Texten auseinandersetzt. Diese romantische Vorstellung gefällt mir ganz gut.

Zwingli hat zudem die Vorstellung populär gemacht, dass Gott uns alle liebt, obwohl wir Fehler machen. Ist man heute weniger bereit, Fehler zu verzeihen?
Da sind wir wieder beim Schulsystem. Was mich so stört, ist, dass wir nach Richtig und Falsch erzogen werden. Ist notwendig, doch für kreative Arbeit tödlich. Man muss Fehler machen, um Grenzen auszuloten. Als Kind wird dir aber ständig gesagt, dass du das nicht darfst. Wie soll man so eigene Massstäbe entwickeln? Fehler sind nun einmal notwendig, um weiterzukommen. Wie langweilig wäre eine fehlerlose Welt?

Also sind Sie kein nachtragender Mensch?
Stimmt. Ich finde, beleidigt sein müsste verboten werden. Man muss über Fehler reden. So einfach ist das.

Es scheint, als könnte man mit Ihnen über alles reden – Sie wirken nahbar und nett. Warum lächeln Sie trotzdem selten auf Fotos?
Das freut mich natürlich, wenn dem so ist. Vermutlich habe ich mir das Lächeln abgewöhnt, weil ich glaube, dem Betrachter so noch Interpretationsmöglichkeiten zu geben. Ein abgebildetes Lächeln verrät immer gleich schon scheinbar alles auf den ersten Blick. Dabei ist es eventuell nur Fassade.

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